Vom Zeitverständnis in einem grossen Spital

Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte ich die grosse Ehre – und natürlich auch das Vergnügen – , mich an einem Freitag zu einer Abklärung ins Inselspital zu Bern einweisen lassen zu müssen. Spitalaufenthalte zählen sowieso nicht zu meinen Favoriten, und wenn es dann noch um irgendwelche schmerzhaften Krankengeschichten geht, ist meine Restsympathie auf einen Schlag weg.

Nichtsdestotrotz: Ins Auto gesessen, um mich von meinen drei Frauen, eine davon ist meine mir anver-/angetraute Ehefrau Daniela, bei den anderen beiden handelt es sich um unsere Töchter, Amélie (>1) und Mélodie (<2), ins Spital führen zu lassen bild herunterladen kostenlos. Pünktlich, auf die Minute genau um 13:15 Uhr, so wie mein Hausarzt den Termin vereinbart hatte, fand ich mich also in dieser wunderbaren Poliklinik der Insel ein. Natürlich wurde ich dort sofort nach allen Regeln der Kunst computertechnisch erfasst, um mich anschliessend in ein nicht gerade stark frequentiertes Wartezimmer setzen zu lassen. Der einzige Mitwarter, es handelte sich um einen Herrn aus Riggisberg, dessen Name ich leider vergessen habe, teilte mir auch gleich mit, dass er lediglich auf seine Frau warte herunterladen. Ich musste unter einem interessierten Blick und ebensolchen Fragen gestehen, dass ich eben selbst der Patient sei, was scho chly pynlech isch, he ja, man spricht ja nicht jeden Tag über seine inneren Werte in Form einer Leidens- oder Krankengeschichte. Also sass ich da und harrte der Dinge, die da kommen mögen. Rückblickend kann ich sagen, dass die Dinge kamen. Und wie!

Kurz nach meinem Eintreffen kamen und gingen Leute, wie dies vielleicht vom «Treffpunkt» im Bahnhof Bern bekannt ist. Irgendwann um 14:00 Uhr habe ich mit dem Zählen meiner Mitmenschen aufgehört, nach rund 20 neuen Patienten. Sie allem kamen zur Abklärung (versteht sich!) und natürlich (natürlich?) kamen sie alle nach mir ins Wartezimmer, gingen aber vor mir wieder raus die toten hosen kostenlosen. Meine Zeit schien offensichtlich noch nicht gekommen zu sein. Also habe ich damit begonnen, mich durch den Papierhaufen des Wartezimmers zu lesen. So startete ich mit einer erst zwei Wochen alten Berner Zeitung BZ und kämpfte mich danach durch den ganzen BZ-Stapel. Leider, so stellte ich fest, hatte irgendein Missgünstiger etwas dagegen, dass ich mir das komplette Wissen der vergangenen zwei Wochen aneignen konnte: Der Tubel hatte drei Exemplare mitlaufen lassen. Schweinerei! Genau gleich erging es mir mit dem Bund, der Neuen Zürcher Zeitung NZZ und dem Nebelspalter (haben Sie gewusst, dass es den guten alten Nebi noch gibt bestsign app herunterladen? Ich war bass erstaunt!): Überall hatte es Informationslücken. Irgendwann einmal, es ging so gegen 16:00 Uhr, habe dann auch ich, normalerweise «Susi Sorglos», angefangen, mit Gedanken über mein weiteres Fortbestehen in diesem wunderbaren Wartezimmer zu machen. Natürlich habe ich begonnen, die Damen und Herren in weissen Kitteln «einfach so» anzusprechen. Nicht, weil ich irgendwelche zwischenmenschlichen Kontakte knüpfen wollte, sondern, weil es mich einfach wunder zu nehmen begann, wie’s denn eigentlich mit mir weitergehen, respektive überhaupt beginnen soll.

Themenwechsel: Stichwort «Numerus clausus» für Schweizer Bürger an Schweizer Universitäten. Während der ganzen Zeit, später übrigens auch, habe ich keinen Assistenzarzt getroffen, mit dem ich mich hätte in Schweizerdeutsch unterhalten können, dafür aber konnte ich mit meinen Sprachkenntnissen glänzen open office kostenloser. Wer hätte gedacht, dass ich mich im Inselspital zu Bern in vier Sprachen mit den Assistenzärzten unterhalten muss? Es stellte sich im Verlaufe der zeit dann aber auch heraus, dass vier Sprachen in Wort und Satz zu beherrschen für die Insel massiv zu wenig ist, aber item, löh mer das… Um sage und schreibe 17:15 Uhr kam eine «Frau in Weiss» mit strahlendem Colgate-Lächeln, braun gebrannt und mit unverkennbarem preussischem Akzent ins Wartezimmer und begrüsse mich, dem eigenen Feierabend vor Augen, mit den aufgestellten Worten: «Freuen Sie sich, Sie haben die Ehre, unser letzter Patient für heute zu sein!», worauf ich, nicht gerade auf den Mund gefallen, entgegnete: «Aber heute Mittag, müssen Sie wissen, bin ich dann der Erste gewesen!» Keine Regung und kein Kommentar ihrerseits. Sendeschluss: Die «Frau in Weiss» hat sehr schnell festgestellt, dass ich «kein Patient» für diese, ihre Poliklinik sei (dem Tempo Ihrer Konklusion nach zu urteilen, hatte sie wohl noch ein Date «ob»). Also wurde ich unter dem Motto «Ändlech Fyrabe!» weitergereicht und kam so in den Genuss einer Fahrt unter dem Inselareal durch. Wenn die «Front»-Beizer in Bern wüssten, dass der Untergrund des Inselareals mindestens doppelt so gross ist wie die Front (u de ersch no gheizt u am Schärme!), würden sie wohl zu einer Protestveranstaltung aufrufen. Echt, so eine Fahrt im Untergrund der Insel ist wirklich imposant! Auf jeden Fall werde ich in Zukunft auf Sightseeings in fremden Ländern verzichten und lieber nochmals auf Entdeckungsreise in den Insel-Untergrund gehen…

Es war gegen 18:00 Uhr, als ich für diverse neue Untersuchungen im Betten-Hochhaus eintraf. Natürlich waren diese Insel-Mitarbeitenden auf mich nicht gerade gut zu sprechen, hatte ich ihnen doch den Feierabend um mindestens eine Stunde vergeigt – aber ich cha würklich nüt derfür, d’Poliklinik hett mi einfach la hocke! Kam für mich als Sünder belastend hinzu, dass die Poliklinik (Sie erinnern sich, dort, wo ich mich um 13:15 Uhr eingefunden hatte) nach den Untersuchungen im Betten-Hochhaus inzwischen geschlossen war. So kam ich nach den diversen Begutachtungen um ungefähr 19:00 Uhr in die … Notfallaufnahme. Fazit: eine Abklärung, die sechs Stunden dauert (fünf Stunden Warten, eine Stunde Action) und mangels Alternativen im Notfall endet! Die Explosion der Kosten im Gesundheitswesen war förmlich hörbar. Wie auch immer: In der Notfallaufnahme wusste auch niemand genau Bescheid, was jetzt mit «diesem Patienten» geschehen soll. Allgemeines Achselzucken. Also habe ich mich wieder einmal erkundigt. Wissen ist bekanntlich Macht. Mir wurde mitgeteilt, ich solle einmal so ein Gucci-Nachthemd der Insel anziehen und bis dann (O-Ton des Personals auf dem Notfall) «…werde man schon weitersehen». Erstaunt es Sie, dass ich mir für das Anziehen des Nachthemds sehr, sehr viel Zeit gelassen habe? Eh ja, ich bin halt davon ausgegangen, dass ein militärisch ausgebildeter Schweizerbürger mit drillmässig eingetrichtertem «Tenü-Fetz» bestimmt viel weniger Zeit benötigen würde, um ein Nachthemd anzuziehen als der Assistenzarzt aus dem hohen Norden für seine Diagnose (was sich, im Verlaufe des Abends, auch als richtig herausstellte).

Ich will ja der Medizin nicht undankbar sein, aber es dauerte weitere vier (4!) Stunden, bis sich ein diensthabender Assistenzarzt dazu durchringen konnte, mich auf ein Stationszimmer zu verfrachten, wo ich um 23:25 Uhr auch eintraf. Und das an einem ruhigen Abend, an welchem die Notfallaufnahme – zum Glück! – sich die Zeit mit Jassen hätte vertreiben können… Das alles passierte übrigens an einem Freitag. Selbstverständlich hatte ich während der ganzen Zeit keine Gelegenheit, meinen drei Frauen zu Hause mitzuteilen, was mit mir los ist und wie es weitergehen könnte. Sie wissen ja: Handy-Verbot in gewissen Abteilungen des Spitals, weil sonst die Patienten mit Schrittmachern Lambada zu tanzen beginnen. Am Samstag habe ich dann erfahren, dass meine liebe Daniela, so versicherte sie mir jedenfalls glaubhaft, lediglich bis Mitternacht auf meinen Telefonanruf gewartet hat, um mich von den nachmittäglichen Abklärungen in der Poliklinik wieder abzuholen…

Zurück in die gute Stube: Dort erhielt ich nämlich einige Liter Infusionen und einen Tobsuchtsanfall, denn zu futtern gab es nichts. Der Grund: Bei einer notfallmässigen Einlieferung werde kein Essen gereicht. So ein Schmarren! Dabei bin ich doch auf den eigenen Füssen einmarschiert, nichts von notfallmässiger Einlieferung. Aber machen Sie das mal den Hierarchisten in einem Spital klar – Anweisung ist Anweisung, Ausnahmen ausgeschlossen, selbst wenn Sie verhungern. Nun, «man» behielt mich noch einige Tage für weitere Untersuchungen im Spital. Diagnose: Sigma-Divertikulitis. Zum Schluss kommt mein Coming-out: Wäre da nicht das Büchlein «C’est la vie!» von Thomas Bornhauser im Wartezimmer der Insel-Poliklinik gelegen (okay, zugegeben, heute liegt es bei uns zu Hause – danke Inselspital!) wäre es wohl definitiv fertig luschtig gewesen. Jetzt, drei Wochen später, habe ich endlich die Gelegenheit, mich beim Autor persönlich für den Witz, das Engagement und das Zynische in jenem Büchlein zu bedanken. Vielen, vielen Dank! Bleibt zu hoffen, dass es nicht das letzte Büchlein in dieser Art gewesen ist.

Publikation 2004 in der Ferienlektüre der Migros Aare Bern / Thomas Bornhauser