Disco (oder: Verkehrssteuerung in der Stadt Bern)

Sie fragen sich, was die Verkehrssteuerung in der Stadt Bern mit «Disco» zu tun hat? – Gerne erkläre ich es Ihnen!

Haben Sie schon mal versucht, in nützlicher Frist mit einem motorisierten Vehikel die Stadt Bern zu durchqueren? – Durchqueren mag ja gerade noch so gehen (ausser, wenn man vom Breitenrain-Quartier ins Kirchenfeld-Quartier möchte; da ist schon ein etwas längerer Umweg nötig) aber von «nützlicher Frist» kann im Fall der Stadt Bern kaum gesprochen werden.

Aus Flexibilitätsgründen erlaube ich mir, mit dem Roller von Neuenegg ins Monbijou-Quartier zur Arbeit zu fahren. Diese Strecke kann in zwei Teile getrennt werden, nämlich die erste Teilstrecke von Neuenegg bis zur Bus-Rampe nach Bümpliz/Bethlehem (ca. 12 Kilometer) und die zweite Teilstrecke von der erwähnten Rampe bis ins Monbijou-Quartier (ca. 3 Kilometer). Für die oben beschriebene erste Teilstrecke von 12 Kilometern benötige ich normalerweise um die 10 Minuten. Die zweite Teilstrecke von 3 Kilometern jedoch, nimmt in der Regel gerade etwa die doppelte Zeit in Anspruch. Damit der Titel dieser Kurzgeschichte nicht «in der Luft hängt», möchte ich mich hier etwas über die zweite Teilstrecke äussern, denn auf diesen drei Kilometern gibt es genau 11 Ampeln. – Damit Sie dies nachvollziehen können (Berner Stadtplan aufschlagen und schauen!), hier in Listenform; die Ampeln befinden sich an der:

  • Bus-Rampe nach Bümpliz/Bethlehem
  • Autobahnauffahrt Park&Ride Gangloff
  • ersten Fussgänger-Ampel auf der Schlossstrasse
  • zweiten Fussgänger-Ampel auf der Schlossstrasse
  • Kreuzung Schlossstrasse/Huberstrasse
  • Kreuzung Schwarztorstrasse/Brunnmattstrasse
  • Kreuzung Schwarztorstrasse/Zieglerstrasse
  • Bushaltestelle Hasler
  • Kreuzung Schwarztorstrasse/Belpstrasse
  • Kreuzung Schwarztorstrasse/Mühlemattstrasse
  • Kreuzung Schwarztorstrasse/Monbijoustrasse

Kalkulatorisch gibt es auf der zweiten Teilstrecke knapp alle 273 Meter eine Ampel (3000m geteilt durch 11 Ampeln). – Es ist mir also, ausser bei sehr, sehr dichtem Nebel, möglich, die jeweils nächste und in manchen Fällen sogar die übernächste Ampel zu sehen (manchmal, wenn’s dr Hoger abegeit, wie z.B. in der Brunnmatt, stimmt diese Aussage nicht ganz!).

Gehen wir also davon aus, dass ich bei der Bus-Rampe Bümpliz/Gäbelbach vor der roten Ampel stehe. Dann sehe ich die Ampel der Autobahnauffahrt Park&Ride Gangloff. Diese zeigt Grün. Wird nun meine Ampel grün und ich kann losfahren, schaltet nach der Hälfte der Distanz die Ampel an der Autobahnauffahrt Park&Ride Gangloff auf Gelb und nachher (jaja, Sie liegen richtig), auf Rot. – Dieser Rhythmus zieht sich normalerweise durch bis ins Monbijou-Quartier.

Um nun der Bogen zur Disco zu spannen folgende Frage: Erinnern Sie sich noch an die Tanzdiele Matte? – Zu «meiner Zeit» waren noch nicht blitzende Stroboskope in Mode sondern die farbigen Lämpchen, die sich im Takt der Musik ein- und ausschalteten. – Nun liege ich natürlich mittlerweile weit über dem Durchschnittsalter der Discobesucher und besuche derartige Etablissements nicht mehr. Aber das ist ja auch gar nicht nötig! Ich kann unter dem Sturzhelm Lieder aus den 80ern vor mich hinmöögen und für das «richtige Ambiente» sorgen die Ampeln der Stadt Bern. – Ehrlich, ich fühle mich jedes Mal grossartig, in meine Jugendzeit zurückversetzt, wenn ich so von Ampel zu Ampel «gurke». So richtig Groovy, oder frei nach der Gruppe Ottawan (wissen Sie noch??) und deren Titel DISCO; D steht für Desaster, I steht für Inkopetente Verkehrsplaner, S für Scheibenkleister, C für Chaos pur und O für Ohjemine.

Aber trotz der «guten Gefühle» scheint es mir doch etwas übertrieben, den Verkehrsfluss alle 273 Meter zum Erliegen zu bringen, wo doch der Fakt bekannt ist, dass Motoren vor allem dann viele Abgase produzieren, wenn gestoppt und wieder angefahren werden muss. – Es könnte also im Bereich des Möglichen liegen, dass sich die Umwelt nicht ganz so grossartig fühlt, wie ich dies tue (die Ozonwerte belegen diese Aussage, glaube ich, ziemlich eindeutig!).

Was machen also unsere politischen und planerischen Koryphäen? – Sie jammern über die viel zu hohen Schadstoffe in der Luft und es wird überlegt, ein Road-Pricing à la London einzuführen (grandiose Idee, wirklich!).

Wie wär’s, wenn der bestens bezahlte Koryphäen-Gehirnschmalz anstelle für’s Erfinden von Jammertexten und Ausbrüten von Schnaps-Ideen mal für etwas Seriöses benutzt würde? – Beispielsweise könnte daran herumstudiert werden, ob es wirklich unmöglich ist, eine «Grüne Welle» einzuführen? – Mich dünkt, wenn in Singapur, München, Berlin, Mailand, Paris, New York und in anderen grösseren Städtchen eine «Grüne Welle» möglich ist, müsste dies in der Grossstadt Bern doch auch möglich sein.

Aber äbe…

Es sei mir noch ein kleiner Nachtrag erlaubt: Gerade heute Morgen habe ich mir überlegt, ab Park&Ride Gangloff aufs Velo umzusteigen. Denn für Velos existiert in der Stadt Bern offensichtlich kein Strassenverkehrsgesetz. Velos können bei Rot über die Kreuzung fahren und es spielt überhaupt keine Rolle, ob es sich um eine verkehrt befahrene Einbahnstrasse, ein Fahrverbot, einen Gehsteig oder eine verkehrsfreie Zone handelt (die Liste könnte übrigens beliebig erweitert werden!). – Eine der Visionen der Stadt Bern scheint zu sein, möglichst schnell zur «Bananenrepublik» zu werden. – Na dann wünsch’ ich doch viel Erfolg (oder: Weiter so!!!)……

Publikation 2007 in der Ferienlektüre der Migros Aare Bern / Thomas Bornhauser