Betragen ungenügend – Setzen!

Zugegeben, ich bin mit 50 Jahren «auf dem absteigenden Ast». – Wenn ich beispielsweise einen neuen Job finden müsste, dann wäre die Auswahl v.a. durch das Alter sehr, sehr eingeschränkt. Oder, realistischer betrachtet: Es gibt gar keine Chancen mehr…

Item, auch wenn ich alt bin, habe ich ab und zu das Bedürfnis nach kultureller Bereicherung. Und so leisten wir, meine Frau Daniela und ich, uns ab und zu den Luxus, ein Konzert, eine Oper oder eine Lesung zu besuchen.

Wenn dann Stars wie z.B. Nina Hagen in der unvergleichlichen Atmosphäre der Mühle Hunziken ihr Kommen ankündigen, dann gibt’s für uns kein Halten mehr und wir leisteten uns die Tickets, die mit Fr. 100.- pro Person doch eher teuer ausfallen.

Aber das macht nichts, immerhin ist Nina Hagen ein Weltstar. Die Frau Hagen kennt man als Querkopf, Punk, Sängerin (mit wahnsinniger klassischer Stimme!!) und Schauspielerin u.a. bei den «Sieben Zwergen» von Otto Waalkes quer über den Planeten.

Ich hatte mich seit dem Kauf der Tickets, Daniela hat sie mir im Dezember zum Geburi geschenkt, wahnsinnig auf dieses Konzert gefreut und so pilgerten wir mit grossen Erwartungen in die Mühle Hunziken wo Frau Hagen mit 20 Minuten Vorsprung auf die Marschtabelle bereits um 19:40 Uhr mit dem offiziellen Teil begann.

Sie gab eine Einführung ins Thema Berthold Brecht, der gemäss ihren Aussagen so etwas wie ein Rockstar der Epoche gewesen sein muss. Süffig und amüsant war die Einleitung, süffig kam auch das musikalische Programm daher.

Wenn da nicht…….!!!!!!!!

Nach ca. 10 Minuten des Konzertes rutschten wir den noch freien Platz nach links.

Warum?

Es gibt offensichtlich Leute, die besuchen ein Konzert nicht um sich den Künstler anzuhören, sondern um ihre Frauen- und Männergeschichten abzuhandeln, ihren Social-Media Verpflichtungen nachzugehen, dauernd laut zu Lachen und um Bierflaschen auszuhöhlen und sie dann am Boden stehend rumzutreten.

Zumindest hielten es die beiden jungen Frauen vor uns so:

Sie quatschten, whatsappten, twitterten, instagramten  die ganze Zeit! – Und beim Quatschen handelte es sich nicht um ein diskretes «einander ins Ohr flüstern» sondern um richtige, laute und wahnsinnig tiefgründige Diskussionen.

Natürlich verstehe ich, dass bei DER lauten Backgroundmusik etwas lauter gesprochen werden musste. Sonst versteht man sich ja gar nicht…..

Ich wollte irgendwie einen «doofen Spruch» loswerden doch meine hochanständige Frau hielt mich zurück.

Auch wenn ich nichts «sagen durfte», stellten sich mir immer wieder die gleichen Fragen:

  • Warum geht man an ein Konzert, wenn einen das, was geboten wird, nicht interessiert?
  • Warum schmeisst man Fr. 200.- zum Fenster raus, wenn es doch unerheblich zu sein scheint, ob Waldi auf der Bühne jault oder Nina Hagen ein Konzert gibt?

Wenn ich überlege, dann hätten sich die beiden Damen doch viel besser auf dem Bärenplatz an der «Front» verabredet. – Das hätte manche Vorteile gehabt, z.B.

  • Für Fr. 200.- kann man sich an der «Front» schon mal übelst die Kante geben.
  • Ein Konzert ist als Backgroundmusik zu intensiven Gesprächen doch viel zu laut.
  • Es regt sich im näheren Umfeld niemand darüber auf, dass man dauernd quatscht.

Nach dem Konzert musste ich das erstmal verdauen. – Ich hatte mich nämlich ziemlich aufgeregt…

Nun, nach dem Verdauen, bedanke ich mich bei den beiden Damen, die eine mit schwarzem Spaghetti-Top mit abverheitem Waben-Muster, die andere mit Pigtails-Friise, dafür, dass sie mir das Konzert so richtig verdorben haben.

Eine Frechheit gegenüber den Künstlern und den anderen Besuchern (den beiden Damen ist nicht einmal aufgefallen, dass die drei neben ihnen sitzenden mitten im Konzert die Sitzreihe verlassen haben um irgendwo ungestört Stehen zu gehen!).

Wie sagte unser Klassenlehrer jeweils?

Betragen ungenügend – Setzen!

 



Während des Konzertes waren diese beiden Stühle leider besetzt…